Die aufrechte Revolution – oder warum Menschen aufrecht gehen


German

Miriam Pahl

Für Mũmbi W Ngũgĩ, Weihnachten 2015 @ Irvine, California
Übersetzt aus dem Englischen von Miriam Pahl

Vor langer Zeit sind Menschen auf Füssen und Händen gelaufen, genau wie alle anderen vierbeinigen Kreaturen. Menschen waren schneller als Hasen, Leoparden oder Nashörner. Die Beine und Arme waren damals näher beieinander als alle anderen Organe und sie hatten ähnliche Gelenke: Schultern und Hüfte; Ellbogen und Knie; Knöchel und Handgelenke; Füße und Hände, die alle in fünf Zehen oder Fingern endeten, die wiederum Nägel an jedem Zeh und Finger hatten. Hände und Füße hatten ihre fünf Zehen und Finger ähnlich angeordnet, wie zum Beispiel der große Zeh und der Daumen oder der kleinste Zeh und der kleine Finger. Damals war der Daumen ganz nah an den anderen Fingern, genauso wie der große Zeh noch heute nah an den anderen Zehen ist. Die Beine und Arme nannten einander Cousins ersten Grades.

Sie halfen einander den Körper zu tragen wohin er gehen wollte; zum Markt, in Geschäfte, Bäume und Berge hoch und runter, überall hin wo Bewegung notwendig war. Selbst im Wasser haben sie gut zusammen gearbeitet um den Körper treiben zu lassen, um zu schwimmen oder zu tauchen. Sie waren demokratisch und gleich in ihrer Beziehung zu einander. Sie konnten sich auch den Nutzen der Fähigkeiten anderer Organe ausleihen, etwa die Laute des Mundes, das Hören vom Ohr, das Riechen von der Nase, oder sogar das Sehen von den Augen.

Ihr Rhythmus und die nahtlose Koordination machte die anderen Körperteile grün vor Neid. Sie wurden unwillig, ihre speziellen Fähigkeiten den Cousins zu überlassen. Vor lauter Eifersucht vergaßen sie, dass die Arme und Beine sie überall hin trugen. Sie fingen an, einen Komplott gegen die beiden Paare zu schmieden.

Die Zunge lieh sich einen Plan vom Gehirn und setzte ihn sofort in die Tat um. Sie stellte laut die Gleichartigkeit von Armen und Beinen in Frage, und wunderte sich wer stärker wäre. Die verwandten Gliedmaßen, die bis dahin nie darüber nachgedacht hatten was der andere hatte oder konnte, liehen sich nun die Laute des Mundes und behaupteten sie wären wichtiger für den Körper als der jeweils andere Körperteil. Schnell ging es auch darum, wer eleganter wäre, und die Arme prahlten mit den langen, schlanken Fingern ihrer Hände während sie abwertende Kommentare über die kurzen dicken Zehen machten. Um sich nicht ausstechen zu lassen, konterten die Zehen und verhöhnten die dünnen Finger, verhungernde Cousins! Dies ging einige Tage so weiter, und beeinflusste auch manchmal ihre Fähigkeit effektiv zusammen zu arbeiten. Am Ende ging es nur noch um Macht, und sie wandten sich an die anderen Organe für eine Schlichtung.

Die Zunge schlug einen Wettkampf vor. Eine brilliante Idee, waren sich alle einig. Aber was für ein Wettkampf? Einige schlugen einen Ringkampf vor – Arm- und Beindrücken. Andere brachten Schwertkampf ein, Jonglieren, ein Rennen, oder Spiele wie Schach oder Dame, aber jeder einzelne Vorschlag wurde verworfen, weil er zu schwer umzusetzen war oder unfair wäre für die einen oder anderen Gliedmaßen. Es war wieder die Zunge die eine einfache Lösung hervorbrachte, nachdem sie sich das Denken vom Gehirn ausgeliehen hatte. Beide Organpaare sollten abwechselnd eine Herausforderung vorschlagen. Die Arme und Beine schlugen ein.

Der Wettkampf fand auf einer Lichtung im Wald statt, in der Nähe eines Flusses. Alle Organe waren besonders wachsam gegenüber Gefahren oder allem was den Körper überraschen könnte, nun da seine Organe sich auf den internen Kampf konzentrierten. Die Augen suchten nah und fern in jeglicher Distanz nach den kleinsten Gefahren; die Ohren waren bereit die leisesten Geräusche in jeder Entfernung zu hören, die Nase machte sich frei um besser jeden Geruch von einer möglichen Gefahr riechen zu können, die den wachsamen Augen und den lauschenden Ohren entgangen sein könnten, und die Zunge war bereit zu rufen und zu schreien, Gefahr.

Der Wind verbreitete die Nachricht vom Wettkampf in alle vier Ecken des Waldes, des Wassers und der Luft. Vierbeinige Tiere versammelten sich als erstes, und viele von den großen Tieren hielten grüne Zweige um zu zeigen, dass sie in Frieden kamen. Es war eine bunte Masse von Leoparden, Geparden, Löwen, Nashörnern, Hyänen, Elefanten, Giraffen, Kamelen, Kühen mit langen Hörnern und Büffeln mit kurzen Hörnern, Antilopen, Gazellen, Hasen, Maulwürfen und Ratten. Wassertiere, Nilpferde, Fische und Krokodile legten sich mit dem Oberkörper auf das Ufer und ließen das Hinterteil im Wasser. Die Zweibeiner, Vogelstrauße, Perlhühner, und der Pfau schlugen aufgeregt mit den Flügeln, Vögel zwitscherten von den Bäumen, Grillen zirpten unaufhörlich. Spinnen, Würmer, Tausendfüßler krabbelten auf dem Boden oder in den Bäumen. Das Chamäleon bewegte sich langsam und andächtig während die Eidechse herumlief ohne sich einmal niederzulassen. Affe, Schimpanse und Gorilla sprangen von Ast zu Ast. Selbst die Bäume und der Busch wiegten sich sanft hin und her, beugten sich und standen wieder still.

Der Mund eröffnete den Wettkampf mit einem Lied:

    Wir tun dies, um fröhlich zu sein
    Wir tun dies, um fröhlich zu sein
    Wir tun dies, um fröhlich zu sein
    Denn wir alle
    haben dieselbe Natur

Die Arme und Beine schworen, das Ergebnis würdevoll zu akzeptieren; ohne Wutausbrüche, Drohungen, Boykottierungen oder Streiks.

Die Arme stellten die erste Herausforderung: Sie warfen ein Stück Holz auf den Boden. Ein Bein, links oder rechts, oder beide zusammen sollten das Stück Holz vom Boden aufheben und werfen. Die beiden Beine konnten sich zu jeder Zeit des Wettkampfs gegenseitig konsultieren, und ihre Zehen einzeln oder alle zusammen einsetzen, in jeder möglichen Reihenfolge, um ihre Mission zu erfüllen. Sie probierten, das Holzstück umzudrehen, es zu schubsen, versuchten alle möglichen Kombinationen, aber sie konnten es nicht richtig aufheben, und um es zu bewegen konnten sie es höchstens ein paar Meter weit schießen. Als sie dies sahen, liehen die Finger sich Laute vom Mund und lachten und lachten. Als Herausforderer stolzierten die Arme wie in einem Schönheitswettbewerb, sie zeigten ihre schlanke Form vor, und hebten dann das Holzstück in unterschiedlichen Kombinationen hoch. Sie warfen es weit in den Wald hinein, was ein kollektives Seufzen der Bewunderung von den Wettkämpfern und Zuschauern hervorrief. Sie präsentierten noch andere Fähigkeiten: Sie lasen winzige Sandkörner aus einer Reisschüssel auf, sie fädelten einen Faden ein; sie stellten kleine Flaschenzüge her, um schwereres Holz zu heben, Speere, die sie weit weg warfen – alles Bewegungen und Aktionen von denen die Zehen nur träumen konnten. Die Beine konnten nur da sitzen und die Vorführung von Geschicklichkeit und Flexibilität ihrer schlanken Cousins bestaunen. Die Arme der Zuschauer klatschten aus Bewunderung und Solidarität lauten Beifall für die Arme, was die Beine sehr verärgerte. Aber sie konnten es sich nicht eingestehen: Während sie etwas mürrisch da saßen und die Zehen Kreise in den Sand malten, versuchten sie sich eine siegreiche Herausforderung auszudenken.

Schließlich waren die Beine und Zehen an der Reihe eine Herausforderung zu stellen. Ihr Wettkampf, sagten sie, wäre einfach. Die Hände sollten den ganzen Körper von einer zur anderen Seite des Kreises tragen. Was für eine dumme Herausforderung, dachten die arroganten Finger. Es war ein unvergesslicher Anblick. Der ganze Körper war verkehrt herum. Die Hände berührten den Boden, die Augen waren nah am Boden und ihr Blickwinkel dadurch eingeschränkt, Staub kam in die Nase wodurch sie niesen musste und die Beine und Zehen schwebten in der Luft: nyayo juu, riefen die Zuschauer und sangen ausgelassen.

    Nyayo Nyayo juu
    Hakuna matata
    Fuata Nyayo
    Hakuna matata
    Turukeni angani

Aber ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf die Hände und Arme. Die Organe, die kurz zuvor noch eine unglaubliche Breite an Fähigkeiten zur Schau gestellt hatten, konnten sich kaum einen Meter weit bewegen. Ein paar Schritte, und die Hände schrien vor Schmerz, die Arme taumelten, wackelten, und ließen den Körper fallen. Sie ruhten sich kurz aus und machten einen neuen Versuch. Dieses Mal versuchten sie die Finger weiter auszubreiten um sich zu halten, aber nur die Daumen konnten sich abspreizen. Sie versuchten einen Radschlag, aber diese Bewegung wurde disqualifiziert, da für ihre Vervollständigung die Beine mit einbezogen wurden. Dieses Mal konnten die Zehen lachen. Sie liehen sich tiefe, kehlige Töne vom Mund um ihr Gelächter von den kreischenden Tönen zu unterscheiden, die die Finger benutzt hatten. Als sie den Hohn hörten, wurden die Arme sehr wütend und machten einen verzweifelten Versuch, den Körper zu tragen. Sie schafften nicht einen Schritt. Erschöpft gaben die Hände und Finger auf. Die Beine trugen freudig ihr athletisches Können zur Schau: Sie traten auf der Stelle, trabten, rannten, sprangen hoch und weit, ohne einmal den Körper fallen zu lassen. Alle Füße der Zuschauer trampelten in Anerkennung und Verbundenheit. Die Arme hoben die Hände in Protest gegen diese Unsportlichkeit und vergaßen dabei bequemerweise, dass sie das Spiel angefangen hatten.

Aber alle von ihnen, auch die Zuschauer, bemerkten etwas Seltsames an den Armen: Die Daumen, die sich abgespreizt hatten, als die Hände versuchten den Körper zu tragen, blieben separat von den anderen Fingern. Die rivalisierenden Organe wollten gerade wieder anfangen zu lachen als sie noch etwas bemerkten: Anstatt die Hände zu behindern, verbesserte der separate Daumen die Fähigkeit der Hände etwas zu greifen und zu halten. Was war das? Die Verunstaltung gestaltete die Möglichkeit zu gestalten!

Die Organe verhandelten fünf Tage über den Gewinner, so lange wie jedes Glied Finger oder Zehen hat. Aber so sehr sie sich auch bemühten, sie konnten keinen klaren Gewinner verkünden; jedes Paar von Gliedmaßen waren die Besten in dem was sie am besten konnten, und keins konnte ohne die Anderen. Und an diesem Punkt begann eine Besprechung philosophischer Vermutungen: Was war der Körper überhaupt, fragten sie alle, und da erkannten sie, dass sie alle zusammen den Körper ausmachten. Damit alles gut funktionierte musste jedes Organ gut funktionieren.

Aber um solch einen Wettkampf in der Zukunft zu verhindern, und um zu verhindern, dass die Organe sich selbst behinderten, fassten alle Organe zusammen den Entschluss, dass von da an der Körper aufrecht gehen sollte, die Füße fest auf dem Boden und die Arme in der Luft. Der Körper war froh über diese Entscheidung, aber er wollte Kindern erlauben auf allen Vieren zu gehen, damit sie nicht ihren Ursprung vergaßen. Sie teilten die Aufgaben auf: Die Beine würden den Körper tragen, aber sobald sie am Ziel ankamen würden die Arme übernehmen und Werkzeuge herstellen und halten. Während die Beine und Füsse die schwere Last des Tragens übernahmen, streckten die Hände und Arme sich aus und nutzten ihr Können um mit ihrem Umfeld zu arbeiten, und um sicherzustellen, dass Nahrung den Mund erreichte. Der Mund, oder besser die Zähne, würden die Nahrung kauen, und sie den Hals hinunter zum Bauch weiterreichen. Der Bauch würde alles Gute aus der Nahrung herauspressen und es in ein Kanalsystem leiten, durch welches das Gute in alle Ecken und Winkel des Körpers verteilt würde. Dann würde der Bauch das verbrauchte Material in das Abfallsystem des Körpers weitergeben, von wo dieser es im Gelände deponierte oder es in der Erde vergrub um sie zu bereichern. Pflanzen würden wachsen und Früchte tragen, die Hände würden davon welche pflücken und sie in den Mund stecken. Oh ja, der Zyklus des Lebens.

Sogar Spiele und Unterhaltung wurden entsprechend aufgeteilt: Singen, lachen und sprechen wurden dem Mund überlassen, Rennen und Fußball wurde hauptsächlich von den Beinen ausgeführt, während Baseball und Basketball den Händen vorbehalten war, wobei die Beine nur das Rennen übernehmen mussten. In der Leichtathletik waren die Beine am meisten gefordert. Die klare Arbeitsteilung machte den Körper zu einer eindrucksvollen Bio-Maschine, die selbst das größte Tier und dessen Leistungen – in Quantität und in Qualität – in ihren Schatten stellte.

Die Organe des Körpers bemerkten, dass das neue Arrangement, das sie erreicht hatten, trotzdem noch Konflikte auslösen konnen. Dass der Kopf ganz oben war könnte ihm das Gefühl geben besser oder überlegen zu sein gegenüber den Füssen, die den Boden berührten, oder dass er der Anführer war und die Füsse nur seine Diener. Sie betonten, dass in Bezug auf Macht der Kopf und alles darunter gleich waren. Um dies noch zu unterstreichen stellten die Organe sicher, dass der Schmerz und die Freude eines Organs auch von allen anderen empfunden wurden. Sie warnten den Mund, dass er vom ganzen Körper sprach wenn er sagte Mein Dies und mein Das, und nicht nur von einem einzelnen Besitzer.

Sie sangen:

    In unserem Körper
    Gibt es keinen Diener
    In unserem Körper
    Gibt es keinen Diener
    Wir dienen einander
    Alle für alle
    Wir dienen einander
    Alle für alle
    Wir dienen einander
    Die Zunge der Stimme
    Halte mich und ich halte dich
    Wir bilden einen gesunden Körper
    Halte mich und ich halte dich
    Wir bilden einen gesunden Körper
    Schönheit ist Zusammenhalt
    Wir arbeiten zusammen
    Für einen gesunden Körper
    Wir arbeiten zusammen
    Für einen gesunden Körper
    Zusammenhalt ist unsere Kraft

Dies wurde die Hymne des Ganzen Körpers. Der Körper singt sie bis heute, und das ist der Unterschied zwischen den Menschen und den Tieren, oder denen die die aufrechte Revolution abgelehnt haben.

Die vierbeinigen Tiere würden sich nicht auf eine solche Revolution einlassen, trotz allem was sie gesehen hatten. Der Singsang war lächerlich. Der Mund ist zum Essen bestimmt, und nicht zum Singen. Sie gründeten die konservative Partei der Natur und blieben bei ihrer Art, Gewohnheiten nie zu ändern.

Wenn Menschen vom Netzwerk der Organe lernen geht es ihnen gut, aber wenn sie den Körper und den Kopf als Gegner eines Krieges sehen, einer besser als der andere, werden sie ihren tierischen Cousins ähnlicher, die die aufrechte Revolution abgelehnt hatten.


Miriam Pahl is a doctoral candidate at SOAS, University of London. Her PhD examines concepts of the human in contemporary African genres with regard to philosophy and postcolonial theory. She feels at home in Bremen, London and Nairobi.